Internationaler Frauentag 2018

 

Der Internationale Frauentag  mit der „Diplom –Animatöse“ Christine Prayon

Text : Ursula Kaiser-Biburger, Bilder: Claudia Engert

Zum 100. Jubiläum des Frauenwahlrechts, das im November 1918 beschlossen worden ist,  haben   das Internationale Frauencafé und die Gleichstellungsbeauftragte Sabine Reek-Rade für die Schwabacherinnen und Schwabacher einen ganz besonderen Star aus der Kabarett-Szene verpflichtet: Aus der „heute show“ holten sie „Birte Schneider“ alias Christine Prayon. 

Möglich wurde diese Verpflichtung durch das Engagement der Sparkasse Mittelfranken Süd. Im traditionell leuchtend rot geschmückten Bürgerhaus präsentierte Christine Prayon  ihr Programm „Die Diplom-Animatöse“, allerdings mit einem speziell auf Schwabach abgewandelten Auftakt,  der direkt Bezug nahm auf die Eingangsworte von Doris Bohle vom Internationalen Frauencafé und der Gleichstellungsbeauftragten Sabine Reek-Rade. Gemeinsam machten sie darauf aufmerksam, dass es immer noch notwendig sei, an den Internationalen Frauentag und die Rechte der Frauen  zu erinnern, wenngleich bislang auch Erfolge in der Gleichstellung zu verzeichnen waren.

Für Schwabach  – so Reek-Rade – habe die frühere langjährige,  damals hieß es,  Frauenbeauftragte Gertrud Neumann viel bewirkt. Zudem müsse man sich bewusst machen, dass Gleichstellung Ausdruck von Freiheit sei und beides ohne Demokratie nicht möglich wäre. Von daher sei es wichtig, dass sich mehr Frauen für die Demokratie engagierten. Doris Bohle erinnerte daran, dass Frauen gerade bei der kommenden Landtagswahl am 14. Oktober doch insbesondere Frauen wählen sollten, damit der Frauenanteil im Parlament angehoben werde.

Diesen Gedanken griff denn die Kabarettistin Christine Prayon auf, als sie im Sinne der gesellschaftlichen „Gralshüter“  fragte: „Frauen sind doch jetzt Kanzler. Was wollen denn Frauen noch?“ Das war eine Steilvorlage, um die #Metoo-Debatte anzusprechen. Denn Sex und Gewalt  seien schlicht nichts anderes als Ausdruck von männlicher Macht. Dass die Kabarettistin eine Meisterin  der akribischen Beobachtung und genauester Analyse ist,  zeigte sich in ihrer detaillierten Unterscheidung von Kabarett:  „Gibt es ein normales Kabarett? Und wenn es eine spezielle Frauen-Form gibt, welche Themen werden dann aufgegriffen?“ 

Die Antwort lieferte Christine Prayon gleich selbst: „Leicht verdaulicher Kram“. Mit diesem ersten Klischee eröffnete sie diesen Reigen mit gekünstelter Ernsthaftigkeit von banalen Themen, die aber noch  mittels ihrer großartigen schauspielerischen Wandlungsfähigkeit intensiviert wurden. Auf der Bühne im vollbesetzten Bürgerhaus erlebte das Publikum daher nicht nur eine Person, sondern viele. So erinnerte das, was Christine Prayon mit nur sehr wenigen Requisiten mit gekonnter Überzeichnung zum Besten gab, entweder an die „gehaltvollen“  Unterhaltungen in „Sex in the City“ oder an eine Lesung einer intellektuell verschrobenen Zeitgenossin,  die ihren eigenen  „Scarlett-Schlötzmann-Zyklus“ vorstellte.  

Mit der ganzen Schwere, die eine gehaltvolle Literatur verlangte,  wurden hier die schier endlosen, höchst amüsant geschilderten autobiographischen Szenenbeschreibungen prall gefüllt mit feministischen Klischees in der Form eines Tagebuch-Romans zu Gehör gebracht.  Eine Steigerung dieser Ironie folgte, als Christine Prayon  in einem engen Schwimm-Anzug, Schwimmbrille und Bademütze auf die Bühne stürzte und  sich wie kurz vor dem Schwimmstart  auf einem Stuhl niederließ, um  quasi mit ernsten Worten in den „Zeitgenössische Lyrik Band 1“ einzutauchen. In betonter Deutlichkeit trug sie aus dem Zyklus „Männer sind primitiv, aber glücklich.“  von Mario Barth das Gedicht „Nußloch“ vor, mit der Quintessenz: „Pass auf, Pass auf! Pass auf! Das ist so geil, echt boah, echt Hammer!“ Einfach Satire pur!

Ihre geistreichen Wortspiele wussten nicht nur zu faszinieren, vielmehr führten sie auch zur Verwirrung.  Insbesondere dann, wenn Christine Prayon  mit ihren großen schauspielerischen Qualitäten mehrere Personen gleichzeitig auf die Bühne brachte.  Einen Höhepunkt bildete der von Absurdität bestimmte Auftritt als aufgestylte Transe mit langem Tigerkleid und langer blonder Mähne.  Zur Überraschung des Publikums entblätterte sich Christine Prayon nicht nur, sondern wandelte sich von der scheinbar bildschönen Frau zu einem Mann, um dann noch das Brusthaar-Toupet  und das Symbol von Männlichkeit (was zur Clownsnase wurde) zu entfernen. Nur in Unterwäsche bekleidet, legte sie noch ein Augenglas weg, um gebisslos „den Menschen hinter den Menschen“ zu zeigen. Damit stellte sich die Fragen: „Ist das alles nur Schein, was wir sehen?“ Was ist überhaupt Realität?  Die Klimax dieser „multiplen Persönlichkeit“ wurde schließlich erreicht, als Christine Prayon  mittels eines Erdbeer-Bonbons  auf der Bühne ihren Tod spielte.

Gleichzeitig aber verkörperte sie bis hin zur äußersten Absurdität die Medien mit den typischen Berichterstattungsmodi und den bekannten Nachruf-Floskeln  zwischen Wetterberichtansage, eingespieltem Archiv-Material und einer genialen Parodie von Carla Bruni-Sarkozy-Gesangsnummer. Nach zwei Stunden anspruchsvollen Kabarett-Programms mit Ironie und Sarkasmus zollte das Publikum reichlich bewundernden Beifall angesichts der großartigen, wandelbaren Schauspielkunst von Christine Prayon  und ihren Botschaften mit Tiefgang, was aber vom Publikum viel Aufmerksamkeit abverlangte.